Mein Europa – Mag. Michael Wolf

Veröffentlicht

25. Februar 2025

Schlagwörter

Europäer des Monats, EuropeDirectTirol, Mein Europa

Meine allerersten persönlichen Erinnerungen an Europa sind Erinnerungen an ein Europa, das es in der heutigen Form noch nicht gab. 1991 in Tirol geboren, lag für mich die nächste politische Grenze in alle Richtungen nur wenige Kilometer vor der eigenen Haustüre. Anders als mit den Bergen, deren imposante Gestalt verschiedene naturräumliche und klimatische Zonen seit vielen Jahrmillionen in ganz besonderer Art und Weise Struktur gibt, erschienen mir etwa die politischen Grenzbalken am Brenner zwischen Nord- und Südtirol immer schon als Fremdkörper. Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und die Zusammenführung des historischen Tirols in eine gemeinsame Euregio waren daher politische Meilensteine meiner frühen Kindheit, deren Bedeutung mir aber erst viel später wirklich bewusst wurde.

Grenzen waren für mich niemals mit positiven Assoziationen verbunden, sondern vielmehr Ausdruck einer naiven Furcht, welche von gewissen politischen Strömungen heute stärker denn je verbreitet wird. Wo fremde Sprachen, Kulturen, Religionen oder Traditionen ganz unverhohlen und pauschal als „böse“ abgestempelt werden, ist das Festhalten an Grenzen – vermeintlich – sinnvoll, selbst wenn die wahrgenommene Kluft zwischen verschiedenen Gesellschaften damit nur weiter verfestigt wird.

Meine eigene Lebenserfahrung hat mir hingegen gänzlich anderes vor Augen geführt. Ob im Rahmen von privaten Unternehmungen, längeren Studienaufenthalten, diversen „Summer Schools“ und „Erasmus-Reisen“, oder auch meiner beruflichen Entsendung außerhalb Österreichs: nirgendwo habe ich – im populistischen Duktus gesprochen – insgesamt „bösere“ oder „bessere“ Menschen kennengelernt als in meiner Heimatstadt Innsbruck. Die eigene Heimat ist für mich bis heute ein Ort der Ruhe, der Gemütlichkeit und der (familiären) Beständigkeit geblieben und hat daher wohl für immer einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Herzen. Hingegen ist die Möglichkeit, diese Heimat selbstbestimmt und vollkommen freiwillig verlassen zu können, im Ausland zu arbeiten, sich frei zu bewegen und vielleicht sogar ein weiteres Lebensstandbein aufbauen zu können, für mich ein außerordentlich bemerkenswerter zivilisatorischer Erfolg, der vor allem auch durch die Gründung und die stete Weiterentwicklung der Europäischen Union eine immer deutlichere Gestalt annimmt.

Doch wo steht diese Europäische Union heute und wie sollten wir sie noch weiter verbessern? Drei persönliche Thesen:

  • Europa braucht ein noch klareres Ziel: eine „immer engere Union der Völker Europas zu schaffen“ ist die bereits seit vielen Jahren in den EU-Verträgen beschriebene grundlegende Bereitschaft, die europäische Integration prinzipiell intensivieren so wollen. Bis vor etwa einem Jahrzehnt war diese Grundhaltung auch von einem breiten Konsens getragen, der BREXIT und viele weitere desintegrative politische Entwicklungen haben uns jedoch vor Augen geführt, dass es womöglich eines noch konkreteren Narratives bedarf, um die Bürgerinnen und Bürger der EU für den Traum eines tatsächlich vereinten Europas zu begeistern – auch als ganz konkrete Gegendarstellung zum zunehmend populistisch geprägten Mainstream-Diskurs.
  • Geschlossenheit anstelle von Partikularinteressen: die COVID-Pandemie, der unprovozierte russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die autoritäre Wende in den USA haben – gemeinsam mit den rasanten Umwälzungen im Klima- und Digitalbereich – die Weltordnung erschüttert. In diesem neuen Chaos auf Nationalismus, Kleinstaaterei und Protektionismus setzen zu wollen, wird sich zweifellos als historischer Fehler ungeahnten Ausmaßes erweisen und die EU muss gerade bei den genannten Themen und darüber hinaus das Festhalten am Einstimmigkeitsprinzip aufgeben.
  • Die eigenen Werten verteidigen: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“ Diese, in Artikel 2 EU-Vertrag normierten Werte müssen die Grundlage für Reformen innerhalb der EU und auch in dessen Außenpolitik bleiben. Nur dann kann Europa ein glaubhaftes Vorbild in der Weltgemeinschaft bleiben und auch andere Länder davon überzeugen, ihre Politik – vielleicht ja auch wieder – an diesen essenziellen Eckpfeilern auszurichten.

Kurzum ist Europa auch heute noch – inmitten zahlreicher parallel stattfindender geopolitischer Umwälzungen – ein Ort der Stabilität, der Demokratie und der Offenheit nach innen und außen. Die EU ist, historisch betrachtet, vor allem auch in Gegenwart von großen Krisen stets noch enger zusammengewachsen und diese Chance ist derzeit präsenter als selten zuvor.

Europa ist meine Heimat, genauso wie Tirol und jeder andere Ort dieser Welt, welcher sich für Toleranz, gegenseitigen Respekt und die Würde eines jeden Lebewesens einsetzt!

 

 

Europäische Union – Ein zivilisatorisches Leuchtturmprojekt

Österreich – Muss sich noch stärker zur EU bekennen

Heimat – Ruhe, Gemütlichkeit und Beständigkeit

Politik – Wird niemals langweilig

Tirol in Europa – agiert aktiv, konstruktiv und zuverlässig

Digitalisierung – beeindruckende Entwicklungen

Klimawandel – eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen

Junge Menschen – können die Welt zum Positiven verändern

Lieblingsorte in Europa – Innsbruck & Brüssel

Stadt oder Land – Stadt

Lieblingsbuch –  „Die Kunst des klaren Denkens“

Mein Lebensmotto – „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“